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19.11.2017 --- 2:16

Die Angst vor dem Hinfallen!

oder warum wir unseren Kindern Risiken zu Weihnachten schenken sollten.

erschienen im Stadtmagazin BLICK. des Landkreises SFA - Ausgabe 12/2008 


diesen Artikel, über das Bewegungsverhalten von Kindern und überängstliche Eltern habe ich lange vor mir her geschoben. Zum einen weil man Gefahr läuft, dass man anderen Menschen zu sehr auf den Schlips tritt, zum anderen, weil ich als Vater ruckzuck selbst in der Kritik stehe. Man ist nicht vor den eigenen Unzulänglichkeiten gefeit, vor allem nicht, wenn es um die eigenen Kinder geht. Auslöser zum Schreiben war jetzt eigentlich eine Kleinigkeit, die allerdings ins Mark traf. Letzte Woche habe ich meinen Sohn in den Kindergarten gebracht, Waldtag war angesagt, die Hälfte der Kinder saß schon fertig angezogen auf der Bank. Plötzlich plauderte einer der Knirpse, ca. 5 jahre alt. los, dass er auf dem Fernseher in seinem Zimmer Kika, Nick, Viva und MTV sehen könne. Selbst auf den Gesichtern der Kinder glaubte (hoffte) ich Fassungslosigkeit zu erkennen. Ist das wahr, gibt es Kinder, die mit 5 Jahren über einen eigenen Fernseher im Zimmer verfügen? Ist das der Untergang des Abendlandes. Gibt es Menschen, die glauben, ihre Kinder hätten nichts besseres verdient als Klingeltonwerbung? Das Gehirn eines Kindes ist ein außerordentlich kreatives, wundervolles, geniales Zeugnis der Evolution, ich bin der Meinung, dass Eltern sich gut überlegen sollten, ob sie es mit Schrott füllen. Wenn ich ehrlich bin, schreibe ich diesen Artikel auch im wesentlichen, um zu verhindern, das ein paar Eltern auf die Idee kommen, Ihren Kindern zu Weihnachten einen eigenen Fernseher zu schenken, um mittels Konsumverhalten die deutsche Wirtschaft anzukurbeln. Leute, die Teile kommen aus Asien.



Was mich dazu treibt zum Thema Kinder und Bewegung zu schreiben ist die Beobachtung, dass viele meiner Bekannten ihre eigene Kindheit als freier und aufregender betrachten, als die ihrer eigenen Kinder. Erstaunlich oder? Obwohl die Anzahl der schlauen Kinderratgeber ins Unendliche gestiegen ist, obwohl in vielen Haushalten die Supernanny zum kostenlosen Familiencoach engagiert worden ist, obwohl eigentlich die Eltern immer weniger streng geworden sind, entsteht der Eindruck, das im frühen 21. Jahrhundert Kindheit nicht gerade lustiger geworden ist. Der Schul- und Leistungsdruck ist nicht gerade kleiner geworden, die Anzahl der Kinder, die „auf der Straße“ spielen dürfen sehr wohl. Heute bedeutet das Thema „draußen spielen“ für viele Eltern in erster Linie Gefährdungsmaximierung. In meiner Kindheit spielte sich (falls ich mich recht entsinne) fast das ganze Leben auf der Straße ab. All die Dinge, die spannend waren, die man natürlich nicht durfte und die uns reifen ließen, passierten draußen, außerhalb der elterlichen Kontrolle. Warum durften wir das und warum tun es die Kinder heute nicht mehr so viel? Warum sieht man heute so wenige Kinder draußen umherziehen. Sind nur Playstation und Fernsehen Schuld, die unsere Kinder in einen Bann ziehen oder wir selber mit unserem Kontrollwahn.

Tatsache ist, das wir heute bedingt durch einen extrem viel höheren Informationsfluss viel mehr darüber wissen, was unserem Kind alles Schlimmes passieren kann. Ich habe Mütter gesehen, die in Panik ausbrechen, wenn ihr Kind 5 Minuten Mittagssonne auf die nicht eingecremte Haut bekommen. Ich habe Väter erlebt, die in blanken Schweiß ausbrechen, wenn Ihr Sohn über einen umgekippten Baumstamm balanciert. Nee, was da alles passieren kann. Wenn das Kind fällt, könnte es sich einen Splitter in den Finger rammen und fällt dann am nächsten Tag im Kindergarten aus.

Ich möchte mich nicht darüber lustig machen, dafür kenne ich dieses Gefühl zu gut, wenn die eigene Angst in Sekundenbruchteilen die eigene Magengrube vakuumisiert, weil man das Kind fallen sieht. Das, was aus meiner Sicht keinen Sinn macht ist die Konsequenz, die viele daraus ziehen. Man versucht den Alltag komplett abzusichern, damit nichts passieren kann. Ein rostiger Nagel wird als potentielles Attentat auf die Gesundheit des Kindes betrachtet. Ein Brett ist plötzlich nicht mehr ein mögliches Spielzeug, sondern ein Splitterdepot, eine Pfütze nicht mehr zum rein springen da, sondern zum Ausrutschen. Kinder lernen mit und durch Fehler, Kratzer, Risiken, Schrammen, Wagnisse wirklich was Leben ist. Wenn ein Erwachsener versucht, einem Kind beizubringen, wie man sicher, ohne Kratzer und ohne einen Ast kaputt zu machen auf einen Baum klettert, wird das Kind ziemlich schnell einschlafen. Erwachsene haben leider oft die Tendenz aufregende Dinge unerträglich langweilig zu machen. Wendet der Erwachsen sich ab, hat das Kind den Baum in 10 Minuten erobert. Okay, an dem Beispiel könnte man noch feilen, aber ich denke, Sie wissen was ich meine. Die besten Momente sind eigentlich immer die in denen die Eltern sagen: „Hilfe, wie hast du das denn geschafft“. Wenn man diesen Satz hört, weiss man, dass das Kind einen echten Entwicklungsschritt gemacht hat.

Der Spielplatz an der Grundschule in Hansahlen (der Schulhof) ist ein mutmachendes Beispiel dafür, dass es auch anders geht. Es gibt einen wunderschönen Artikel zu diesem Thema in der Ausgabe 39/2008 vom Stern, der mein Anliegen weitaus besser ausdrückt, als ich es kann. Versuchen Sie doch mal selbst etwas zurückzuhalten wenn Ihr Kind mäßig gefährliche Dinge gut, es braucht Vertrauen und die Fähigkeit, mit Risiken zu leben. Ich spreche ja nicht davon, das Sie Ihr Kind verwahrlosen lassen sollen, sondern dass es vielleicht besser balancieren lernt, wenn ihm oder ihr nicht immer gleich die helfende Hand gereicht wird. Hinfallen gehört dazu. Irgendwie waren unsere eigenen Eltern cooler damit (was nicht heissen soll, dass früher alles besser war). Schwer zu vergleichen. Die Ausgabe vom Stern, können Sie gerne im Fitness Studio TV Jahn einlesen, der Artikel ist wirklich lesenswert. Auf jeden Fall möchte ich alle Eltern dazu ermutigen, ihre Ängste auf ihren wirklichen Nutzen hin, zu überprüfen. Im Zweifelsfall immer das Skateboard oder Mountainbike schenken und nicht den Fernseher. Die Gefahr einer Verletzung ist bei ersteren größer, die Gefahr der Abstumpfung beim zweiten dagegen absolut sicher.

 

Wenn Du Deine Kinder zu sehr behütest,

werden Sie Angst haben zu versagen

und dem Schmerz aus dem Weg gehen.

Doch Schmerz und Versagen

enthalten wichtige Lektionen

Wenn Kinder sie nicht beide

wirklich erfahren haben,

wie sollen sie dann wissen,

dass es nichts zu befürchten gibt?