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19.11.2017 --- 2:16

Gibt es ein Leben ohne Sport!

erschienen im Stadtmagazin BLICK. des Landkreises SFA - Ausgabe 10/2008 

Letzte Woche wurde ich zum ca. tausendsten Mal in meinem Leben mit Churchills Ausspruch „no sports“ konfrontiert (auf die Frage hin, wie er es trotz Zigarren- und Whiskeykonsum so weit bringen konnte). Wieder einmal wurde mir der Satz als Entschuldigung dafür gegeben, dass man immer noch nicht mit dem Sport begonnen hat, „aber wie gesagt, Churchill meinte ja auch…no sports„ (wer Hintergründe zu diesem Zitat erfahren möchte, der probiere mal folgenden link aus www.uni-trier.de/index.php.

Ähnlich wie es Ernährungsberatern oft in ihrer Freizeit ergeht, die sich Entschuldigungen anhören dürfen, warum im Restaurant jetzt doch die Haxe und nicht der Salatteller bestellt wurde, so darf auch ich mir als Sportlehrer in meiner Freizeit immer wieder und immer gerne anhören, warum jemand noch nicht mit dem Sport begonnen hat, was alles dazwischen gekommen ist und was man sich alles vorgenommen hat. Sportlehrer und Ernährungsberater gehören zu den Menschenkategorien, die schlechtes Gewissen in Massen produzieren können, unglaublich oder? Dabei sieht die Wahrheit so aus, dass Ihr Sportlehrer gerne mal auf der Couch liegt und Ihr Ernährungsberater vielleicht gerade an einem leckeren Stück Kuchen hängt.

Kommen wir also zum Kern: Muss der Mensch Sport treiben? Ist es nötig ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man sich nicht sportlich betätigt? Ist es nötig, sinnlos durch die Wälder zu joggen, wilde Verrenkungen beim Stretching zu machen oder einem Ball hinterher zu jagen?

Die Menschen sind sich also unsicher, ob Sport nun gesund ist oder doch nicht. Bleiben wir also erstmal bei den Tatsachen. Tatsache ist, dass unser Körper Bewegung zwingend benötigt, um in seiner Muskulatur, im Bindegewebe, im Herzkreislaufsystem und alles andere natürlich auch, nicht zu degenerieren. Im Vergleich zu vorigen Generationen bewegt sich der Mittel- und Nordeuropäer allerdings erschreckend wenig. Eine Folge davon ist sicherlich der starke Anstieg der so genannten Zivilisationskrankheiten in den letzten 50 Jahren. Der Mensch ist zu Sitztier geworden. Wir können also davon ausgehen, dass der überwiegende Teil Bevölkerung ein Bewegungsdefizit hat. Sie auch, wer liest, der sitzt.

Tatsache ist, dass der Begriff Sport immer noch zu einem erheblichen Teil mit Wettkampf in Verbindung gebracht wird. Nimmt man es genau, verbirgt sich aber hinter dem Sammelbegriff Sport mittlerweile so ziemlich alles, was durch Bewegung geprägt ist. Warum allerdings Schach-, Billard,- Dart- und Pokerspieler so sehr darauf pochen, das ihr Spiel ein Sport ist wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Keine Ahnung warum diese wundervollen Spiele noch durch den Begriff Sport „geadelt“ werden müssen (gibt es dafür Sportförderung?).

Tatsache ist auch, dass man mit etwas Ungeschick eine Menge in unserem Körper kaputt machen kann. Wenn man sich anschaut, wie Menschen die noch nie im Leben zuvor Sport gemacht haben, sich in einem 6 Monate Intensivprogramm auf einen Marathon vorbereitet haben und sich dann mit höchstem Ehrgeiz durch den Wettkampf quälen (bloß nicht aufgeben!), dann ist klar, warum in den nächsten Tagen die orthopädischen Praxen gefüllt sein werden. Hier ist die Bewegung Segen und Fluch zugleich. Das Problem ist allerdings nicht der Marathon, sondern der Fakt, dass viele Menschen keinerlei Gespür mehr dafür haben, was ihrem Körper gut tut. Wir pflegen in der Regel eher einen rüden als einen liebevollen Umgang mit unserer sterblichen Hülle. Dieses Problem aber gibt im Sport und außerhalb des Sportes. Was ich mit liebevoll meine, kann man übrigens gut erkennen, wenn man mal eine Katze beim Strecken, Rekeln und Putzen beobacht.

Wenn man also mit Sport alles an Bewegung zusammenfasst, was entweder der Gesundheit oder dem Spaß dient (also auch Tanzen, Wandern, usw.) kann man die Frage nach der Notwendigkeit des Sportes ganz klar mit „Ja“ beantworten. Wer in dieser Welt des Sitzens, Denkens und Fernsehguckens glaubt, dass man ohne Bewegung zufrieden das Jahr zweitausendzwanzig erreichen wird, dürfte sich geschnitten haben. Alle Funktionen unseres unglaublichen Körpers verkümmern jämmerlich, wenn wir sie nicht benutzen. Wenn unser Gleichgewicht nicht benutzt wirkt, taugt es nach 10 Jahren nicht mal mehr dafür, auf einem Bein zu stehen. Und so geht das mit Ausdauer, mit Kraft, Gelenkigkeit, Schnelligkeit und all unseren Sinnen.

Das wesentliche Problem besteht darin, dass so viele Menschen schon vergessen haben, wie genial es ist, in einem vitalen, beweglichen Körper zu wohnen, sie denken nur an die Anstrengungen, die ihnen ein Training bereiten würde. Aber kein Mensch verlangt Anstrengung von Ihnen. Es gibt mittlerweile so viele Formen des Sports und des Spiels, dass man ja erst mal ausprobieren könnte, was einem liegt und Spaß bringt. Am Anfang wächst unsere Leistungsfähigkeit auch wenn wir etwas einfach nur tun, wir brauchen zunächst gar kein hartes Training. Jeder Mensch muss selber entscheiden was wichtig ist, aus meiner Sicht gehört viel Bewegung wie Zähneputzen dazu, wir kommen auf Dauer nicht ohne aus. Wenn Sie nicht wissen wohin mit sich und ihrer langjährigen Abneigung gegen alles Bewegte machen Sie sich lieber auf den Weg. Es ist bedeutend leichter anzufangen, als sich mit Schweinehünden und Gewissen herumzuplagen.

PS: Churchill sagte seinen berühmten Satz ironisch!